"Als ob" & "Die Vorteile des Lasters"

          Sven Hieronymus &   LISA ECKHART

Samstag, 5. Dezember 2020
21.00 Uhr im Tschuggenzelt

Sven Hieronymus - Als ob

Der Rocker ist Fünfzig. Zeit des Wandels. Seine Tochter zieht aus. Sein Sohn leider nicht. Der ist jetzt an der Schwelle des Erwachsenseins, aber er findet diese Schwelle einfach nicht und wenn doch, bleibt er daran hängen und fällt hin. Es reicht aber immerhin dazu, seinem alten Rockervater das Leben zu erklären. Und wenn der Rocker Einwände hat, kommt immer der Satz: "Als ob!" Die Kommunikation mit seiner Frau hat sich geändert, jetzt wo die Kinder groß sind. Er hat erkannt, wann und wie man auch in hohem Alter noch Sex mit seiner Frau haben kann und was Mann dafür tun muss. Wenn er nicht gerade seiner Tochter beim Renovieren helfen muss oder sein Sohn ihm erklärt, wie man richtig Auto fährt – immerhin hat er ja den Führerschein seit ein paar Wochen. Der Rocker ist zwar älter geworden, aber nichts hat sich verbessert. Er ist immer noch der Depp in der Familie und niemand kann ihn zu Hause leiden. Noch nicht mal der Hund! Also geht er wieder auf die Bühne, um am Schluss doch zu erkennen: Weine könnt ich... weine!

Lisa Eckhart - Die Vorteile des Lasters

Es war nicht alles schlecht unter Gott. Gut war zum Beispiel, dass alles schlecht war. Denn alles, was man tat, war Sünde. Wir waren alle gute Christen und hatten einen Heidenspaß. Die Hölle zählte Leistungsgruppen, Ablässe waren das perfekte Last-Minute Geschenk und lasterhaft zu sein noch Kunst. Doch dann starb Gott ganz unerwartet an chronischer Langeweile. Und bei der Testamentsverlesung hieß es, wir wären alle von der Ursünde enterbt. Fortan war kein Mensch mehr schlecht, jedes Laster nunmehr straffrei und die Hölle wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. So fand der Spaß ein jähes Ende.

Heute ziehen Eisfirmen, Elektronikgeschäfte und jedes zweite Schlagerlied die sieben Sünden in den Dreck, indem man sie zur heiligen Tugend erklärt. Gott befahl uns zu entsagen, Coca Cola zu genießen. Man hat uns alles erlaubt und somit alles genommen. Polyamorie versaute die Unzucht. All-You-Can-Eat Buffets vergällten die Völlerei. Facebook beschämte die Eitelkeit. Ego-Shooter liquidierten den Jähzorn. Wellnesshotels verweichlichten die Trägheit. Sie alle haben's schlecht gemeint. Doch schlecht gemeint ist bekanntlich das Gegenteil von schlecht. Und kein Zweck heiligt das Mittelmaß.

Darum gilt es, die Sünden neu zu erfinden. Wie widersetzt man sich der Spaßgesellschaft ohne den eigenen  Spaß  einzubüßen? Wie  empört  man  seine  Umwelt  ohne  als  Künstler  verleumdet  zu werden? Wie verweigert man sich dem Konsumerismus ohne auf irgendetwas zu verzichten? Wie verachtet man die Unterhaltungsindustrie ohne Adorno schmeichelnd ans Gemächt zu fassen? Wie wird man zum Ketzer einer säkularisierten Welt? 

Seien Sie neidisch auf andere, doch anstatt ihnen nachzueifern, ziehen Sie sie auf Ihr Niveau. Seien Sie träge und zeigen Sie Ihrem Partner, wer in der Beziehung die Windeln anhat.
Seien Sie jähzornig und beschimpfen Sie Werner Herzog.
Seien Sie wollüstig und beschränken Sie sich nicht auf die zwei, drei Abgründe Ihres Körpers. Seien Sie eitel und entreißen Sie Ihre Schönheit dem trüben Auge des Betrachters.
Seien Sie geizig und teilen Sie nicht länger brüderlich wie Kain den Schädel seines Bruders. Seien Sie maßlos in allem, nur niemals der Mittelmäßigkeit.